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“Das sture Pochen auf regionale Traditionen, den lächerlichen Verweis auf eigenständige Nahrungsbeschaffung und sportliches Beisammensein rechtfertigt kein einziges Opfer der tragischen Amokläufe der letzten Jahre.” – Kat€

Gewalt fasziniert uns. Sie glauben das nicht? Dann haben sie wohl heute noch nicht den Fernseher eingeschaltet. Egal ob in den Nachrichten, als reale Schicksalsschläge oder im Rahmen von Spielfilmen: Unser mediales Interesse gilt dem Leid und dem Tod anderer. Das alles scheint so hohe Auflagen und Einschaltquoten zu generieren, dass sich kaum ein Fernsehsender oder eine Zeitung Schreckensmeldungen entziehen kann. Selbstverständlich gibt es eine journalistische Pflicht, die Menschen zu informieren. Aber seien wir mal ehrlich: Letztendlich ist der Leitartikel die Chance auf eine verkaufte Zeitung. Dabei gibt es Themen, über die man besser einfach nicht berichten sollte.

Erinnerst du dich an die Tragödie an der Columbine High School? Die ganze Welt hat mit dem amerikanischen Volk getrauert. Die Medien waren voll mit Bildern und Berichten über die Täter und Opfer. Dummerweise wäre das wohl eine der Tragödien gewesen, über die man besser geschwiegen hätte. In diesem Kontext geht es um zurückgewiesene Jugendliche und damit eine hochgradig beeinflussbare Zielgruppe. Hat sich jemals wer Gedanken darüber gemacht, warum fast alle Folgetäter auch in eine Schule gelaufen sind? Das sind psychisch labile und traumatisierte Kinder, die sich mit den Tätern identifizieren. Den Tatort Schule wählten sie, weil sie gesehen haben, dass ihre „Idole“ ihre Tat in einem Schulgebäude verübt haben.

Die Medien hätten darauf verzichten können den Tätern durch ihre Berichterstattung ein monumentales Denkmal zu setzen. So mancher Trittbrettfahrer wäre gar nicht auf die Idee gekommen, seine „Probleme“ auf eine ähnliche Weise zu lösen. Und dieses Phänomen ist den Medien durchaus bekannt. Das glaubst du nicht? Wie oft hast du denn schon über Morde und andere Gräueltaten gelesen? Und wie oft über Selbstmorde und deren Hintergründe? Insbesondere über Suizide von Jugendlichen? Über derartige Taten wird kaum oder wenn überhaupt oberflächlich berichtet.

Überspitzt gesagt ist Selbstmord ansteckend. Man möchte nicht, dass sich Menschen mit den Problemen und dem inneren Konflikt von Selbstmördern identifizieren und am Ende noch zu dem Schluss kommen, dass das auch eine akzeptable Lösung für sie selbst sein könnte. Und obwohl dieses Phänomen bekannt ist, kann man nicht aufhören über Amokläufe zu berichten – auch wenn die Berichterstattung zum aktuellen Fall schon den Grundstein zur nächsten Tat legt. Viel lieber schreibt man einen Amoklauf der Waffenlobby und den Amerikanern zu.

Ein Deutscher versteht nicht, wie man fasziniert davon sein kann, ein Waffenarsenal daheim zu haben. Im Gegenzug kann ein Amerikaner auch schwer nachvollziehen, dass es ein Grundrecht sein soll mit 330km/h auf einer öffentlichen Straße alle beteiligten Straßen-Verkehrsteilnehmer vital zu gefährden, nur weil man in der wirtschaftlichen Lage ist, sich ein neumodisches „Supercar“ kaufen zu können…Und so ganz pazifistisch sind wir Deutschen nun auch nicht. Die Zahlen variieren von Bericht zu Bericht stark – Fakt ist: auch in deutschen Haushalten gibt es Millionen von legalen Schusswaffen. Und wer mit einem Sportschützen oder Jäger befreundet ist, kennt auch die gängigen Argumente, wieso man ein Waffenarsenal braucht und wieso sich das zwingend in den eigenen 4 Wänden zu befinden hat.

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Kurz: Man muss für jedes Tier von Ameise bis Elefant das richtige Gegengift daheim haben. Und eine Aufbewahrung in einer Waffenkammer des Jagd- oder Schützenvereins wäre aus taktischen und reinigungstechnischen Zwecken undenkbar. Unterm Strich geht es aber alleinig darum für den Fall gerüstet zu sein, dass irgendein Halbstarker den Gartenzaun überwinden könnte. Stell dir vor, du hörst nachts einen lauten Knall in der Garage. Selbstverständlich willst du nachsehen, was das gewesen sein könnte. Und dann stellst du dir die gleiche Situation mit einer fertig geladenen Waffe neben dir vor. Wer würde sie nicht mit in die Garage nehmen? Und welche Unglücke können dadurch passieren? Und selbst wenn ein Jugendlicher dir gerade einen Apfel aus dem Garten klauen möchte, ist das kein Grund ihn im Affekt zu erschießen. Eine reale oder vermeintliche Bedrohungssituation ist häufig zu komplex, um sie alleine mit einer Waffe lösen zu können. Und nur ein Narr vertraut sein Leben einer Waffe an. Vielleicht sollten wir uns einfach mal wieder etwas mehr mit unseren Mitmenschen unterhalten, etwas weniger fernsehen und nicht hinter jedem Kapuzenpullover einen möglichen Vergewaltiger vermuten…

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Und bezüglich der Schusswaffen gibt es auch leuchtende Beispiele, wie es ohne gehen kann. In Japan sind die Strafen auf eine mitgeführte Waffe so hoch, dass selbst die Yakuza davor zurückschrecken sollen, Waffen mitzuführen. Und wenn ein zivilisierter Staat einer kriminellen Organisation die Waffen austreiben kann, müssten wir es doch auch schaffen, Schusswaffen vor unserer Jugend fernzuhalten. Das sture Pochen auf regionale Traditionen, den lächerlichen Verweis auf eigenständige Nahrungsbeschaffung und sportliches Beisammensein rechtfertigt kein einziges Opfer eines der tragischen Amokläufe der letzten Jahre.

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