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SCHLUSS MIT HUSTEN!

Kat€ über autoleere Straßen und fallende Immobilienpreise

Wer ein grosses Auto fährt, hat in der Parklücke Recht und Respekt verdient. 

Autos bestimmen unser Leben! Gewollt oder ungewollt: Egal ob man selbst eins fährt oder sich mit angelegten Atemschutzmasken vor Regierungsgebäuden theatralisch die Lunge aus dem Leib hustet, um sich im Anschluss entspannt eine Fluppe anzuzünden. Niemand kommt den Automobilkonzernen aus, weder Politik noch die Bürger. Und seien wir ehrlich: So richtig wollen wir das ja auch gar nicht. In den freiheitssehnsüchtig gestalteten Werbespots neuer Autos gibt der Fahrer immer mächtig Gas und lässt alle anderen Verkehrsteilnehmer hinter sich. Interessanterweise sind die Straßen in der Reklame-Landschaft meist komplett menschenleer und das selbst mitten in Manhattan. Ich für meinen Teil stehe jedoch regelmäßig im Stau und habe ausreichend Zeit, mir so meine Gedanken über die auf eine harte Probe gestellte Psyche der  Mitgestauten zu machen. Ihren Frust entladen sie gerne in einem Hupkonzert oder aggressiven Fahrmanövern.

Nirgends sieht man jedoch den Frust, den ein Auto mitbringt mehr, als beim Versuch, es irgendwo abzustellen. Wehmütig blicke ich zurück auf die Zeit nach meiner bestandenen Fahrprüfung. Damals durfte ich jederzeit und überall bis hin in die inneren Bereiche deutscher Großstädte fahren. Maximal gab es zeitlich beschränkte Parkplätze und ganz selten mal eine Parkuhr. Es war problemlos möglich, am Samstagabend nach München-Schwabing zu fahren und dort kostenlos vor irgendwelchen Kneipen zu parken, um am Ende nüchtern alle angetrunkenen Bekannten nachhause zu chauffieren.

Und überhaupt war der Deal klar: Man zahlt einen Haufen Geld für Kraftfahrzeug- und Mineralölsteuer und dafür wird einem der Stellplatz kostenlos zur Verfügung gestellt. Bis auf wenige Ausnahmen sind seinerzeit die Straßen und Städteplanungen auf die Anwesenheit von Autos ausgelegt worden. Und auch in der öffentlichen Wahrnehmung erscheint es völlig in Ordnung, wenn alle Bürgersteige mit Luxuslimousinen zugeparkt sind und niemand mehr zu Fuß mit einem Kinderwagen oder einem Rollator vorbeikommt. Schließlich hat man sich schon oft ausgemalt, dass man selbst dort irgendwann stehen wird, wenn man sich in ferner Zukunft eine schicke S-Klasse leisten kann.

Nirgends sieht man jedoch den Frust, den ein Auto mitbringt mehr, als beim Versuch, es irgendwo abzustellen.

Wer ein großes Auto fährt, hat Recht und Respekt verdientegal ob auf der Autobahn oder in der Parklücke. Dummerweise werden gerade eben die vermeintlich letzten freien Flächen aller Städte mit Wohnungen zugepflastert und für jede neue Partei ziehen ein bis zwei neue PKWs ins Viertel ein. Die Kosten für einen Tiefgaragenstellplatz kann man sich natürlich getrost sparen, schließlich darf man in den äußeren Stadtbezirken ja noch überall dauerhaft und kostenlos parken. Egal ob uraltes Wohnmobil oder zu Werbeflächen umfunktionierte rostige Anhänger. Solange die TÜV-Plakette neu ist, durfte bislang alles abgestellt werden.

Schleichend wurde diese Jahrzehnte geltende Regel jedoch von den Stadtverwaltungen gebrochen. Mittlerweile darf ich insbesondere in inneren Stadtbereichen nirgends mehr kostenlos parken. Die Innenstädte sind voll von kostenpflichtigen Zeitparkplätzen und Anwohnerparkzonen. An sich begrüße ich jeden Ansatz von autoärmeren oder autofreien Innenstädten, wenn hingegen nicht seitens der Gemeinden der heuchlerische Katzenjammer zu hören wäre, wenn BMW und Co. ein Auto weniger verkaufen und dadurch die Einnahmen der Gewerbesteuer sinken. Das Autofahren maximal unangenehm zu machen, keine Einbußen in der Gewerbesteuer zu akzeptieren und gleichzeitig die Preise für den öffentlichen Nahverkehr jedes Jahr zu erhöhen, scheint ein unvereinbares Paradoxon.

Unsere Kommunalpolitik schafft diesen Spagat aber jedes Jahr aufs Neue. Dafür haben sie meinen Respekt verdient! Es bleibt am Ende der Satz stehen, dass man mit den Deutschen einfach Reformen machen kann. Vor Revolutionen muss man keine Angst haben, solange der Überbringer der schlechten Nachricht eine Uniform trägt. Zum Glück gibt es inzwischen car2go oder DriveNow. Diese Sharing-Autos können innerhalb des Geschäftsgebietes grundsätzlich überall im öffentlichen Parkraum abgestellt werden, sofern an dieser Stelle kein Park- oder Halteverbot herrscht. Münzgeld für ein Ticket wird nicht gebraucht. Ist das nicht klasse?

Vor Revolutionen muss man keine Angst haben, solange der Überbringer der schlechten Nachricht eine Uniform trägt.

Ich kann dir nur dringend raten, heute einmal einen kleinen Spaziergang durch Wohn- und Arbeits-viertel einer Großstadt zu machen. Und dann stell dir vor, die Autos wären nicht mehr da. Anstelle sie vor der Tür abzustellen, würde man sie auf großen Sammelparkplätzen an den Außengrenzen der Städte abstellen und dann mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in den Stadtbereich fahren. Die Wohnungsknappheit könnte auf einen Schlag besiegt werden, indem man frei gewordene Parkplatzflächen bebauen könnte. Auch der letzte Umweltschützer könnte mit dem Hustenanfall aufhören. Der öffentliche Nahverkehr hätte dann vielleicht so viele Fahrgäste, dass man nicht jedes Jahr die Preise erhöhen müsste, nur um den Verlust in Grenzen zu halten. Und nun stell dir ehemalige Pendler in ihren neuen Eigentums- oder Mietwohnungen vor. Du siehst im Gedanken spielende Kinder auf autoleeren Straßen – und vielleicht fragst du dich jetzt, warum immer alles unmöglich sein muss?

Male dir nun folgendes Szenario aus: leere Tankstellen, stagnierende Umsätze in der Automobilindustrie, fallende Immobilienpreise und einbrechende Gewinne von Immobilienfonds, hunderttausende heimatlose Verkehrsschilder in öffentlichen Straßenbaufirmen. Und jetzt weißt du, warum niemals sein kann, was nicht sein darf.

Diese Kolumne erschien im Materialist Magazin #5 – 3/2017.

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