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Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast..

Der Fan fordert gnadenlose Überwachung.

Ich liebe bedrucktes Papier – insbesondere Fashion-Magazine mit bunten Celebrity-Bildern. Ich wurde in den 80er Jahren geboren – einer Zeit, in der man auch die Zeitung von vorgestern lesen konnte und sich immer noch topaktuell informiert fühlte. Heute, 30 Jahre später, sind brandheiße News nach fünf Minuten veraltet. Vergessen. An diese Entwicklung passt man sich entweder an oder bleibt auf der Strecke. Das gilt nicht nur für die Nachrichten, sondern auch die darin beschriebenen Promis. Wer 24-7 on ist, gewinnt.

Wer off ist, verliert. Während es in den 1960er Jahren für eine Hollywood-Diva noch komplett ausreichte, alle paar Monate den Namen ihrer aktuellen Scheidung zu veröffentlichen, muss der Star von heute schon omnipräsent im Leben seiner Fans sein. Der Fan fordert gnadenlose Überwachung: Morgens checkt man die Frühstücksfotos von Kim Kardashian, mittags geht’s ins Fitness-Studio mit Dwane Johnson und abends sieht man sich einen Film mit Brad Pitt an. Instagram, Twitter, Snapchat  und Facebook sei dank. Geilo! Wir wissen endlich alles. Bedeutet: Uns entgeht rein gar nichts. Nada. Niente. Nicht einmal mehr die unbedeutendste Nichtigkeit im Leben unserer Idole. Oder zumindest was wir für solche halten.

Was Könige und Kaiser vorgelebt haben, hat der Pöbel schon immer versucht nachzuahmen.

Unglaublich, diese Celebrity-Fotos, findest du nicht? Schließlich sind das doch spontane Schnappschüsse. Und trotzdem bescheren sie uns Gänsehaut. Denn jede Pose imponiert uns. Wow! Alles wirkt perfekt. Die VIPs präsentieren sich gnadenlos durchgestylt, ihre Garderobe wählten sie mit größter Sorgfalt. Und wen interessiert schon das Copyright? Denn was Könige und Kaiser vorgelebt haben, hat der Pöbel schon immer versucht nachzuahmen. Mit einer Latenz-Zeit von über 20 Jahren nach Carrie Bradshaw, hat sich endlich auch hierzulande der Berufsstand des Bloggers etabliert. Diese Spezies von digitalen Selbstdarstellern nennt sich jetzt liebevoll Influencer. Wie auch immer. Letztendlich ist die begriffliche Definition auch egal. Diese Personen befriedigen unsere Sensationsgier – unserem allerliebsten Grundbedürfnis. Denn in ihnen sehen wir unser Vorbild.

Können wir damit leben definitiv zu wissen, dass unsere vermeintlich beste Freundin bezahlt wird um mit uns zu twittern?

Sie sind die Menschen, die wir sein wollen: Der Typ im maßgeschneiderten Anzug. Und nicht wie wir selbst, die sich mit Socken und Sandalen bekleidet in Venedig verlaufen. Die hübsche Frau, die mit ungezwungener Leichtigkeit im Sommerkleid, mit High-Heels und Louis Vuitton Tasche im Café sitzt. Und nicht eine unsichere Lady, die mittags pausenlos überlegt, ob man das orange-grüne Bermuda-Shorts Outfit auch heute Abend im Club tragen könnte. Die frisch gebackene Mutter im Fitness-Studio, die ihre wiedererlangte Traumfigur mit maßgeschneidertem Sportanzug präsentiert und nicht eine Sport-Hasserin in einer ausgewaschenen grauen Jogginghose, die uns noch demütigender aussehen lässt. Kurz gesagt: Influencer sind Menschen, die wir nicht kannten, nie kennengelernt haben, uns aber immer vor Augen führen, was modischer Geschmack sein könnte. Vorausgesetzt, unsere  Figur und der Geldbeutel geben es her.

Das Sensationelle ist, dass uns  Blogger endlich die harte Arbeit abnehmen. Fashionistas nennen sich einige von ihnen liebevoll. Eine Liebeserklärung an die Modeindustrie? Mag sein. Was sie ausmacht? Es sind Menschen die uns ungezwungen und mit plötzlichen Schnappschüssen aus ihrem Leben zeigen, wie Unseres aussehen könnte und sollte. Dummerweise ist das, wonach wir gieren genau das, was wir nicht haben. Der amateurhafte kurze Augenblick des Lebens eines anderen Menschen. Leichtigkeit und Coolness garniert mit Stil und Eleganz. Was wir hingegen bekommen ist ausgerechnet das, was wir gerade nicht sehen möchten. Ein Leben aus der Sicht der Großkonzerne.

Reichen gigantische Followerzahlen aus, um ein prominenter Star zu sein?

Keine Influencerin, die was auf sich hält, zieht Dinge an, die ihr persönlich gefallen. Schlimmer noch. Jede präsentiert Bücher, Kosmetik und Kleidungsstücke, die ihr zu Werbezwecken zur Verfügung gestellt werden. Ihre Posts werden angeblich mit mehreren tausend Euro erkauft. Aber was passiert mit Social-Media-Stars, wenn uns vielleicht eines Tages klar wird, dass Caro Daur weder unsere beste Freundin ist, noch die hübsche unbekannte Frau am anderen Ende des Cafés? Was, wenn wir die Manipulation dahinter erkennen? Ein von Nike, Apple, Nivea und Calvin Klein erschaffenes Marketing-Ungeheuer, das einen Frontalangriff auf unseren Geldbeutel plant?

Foto: m_heisler88

Wird uns das jemals bewusst? Und können wir überhaupt damit umgehen? Oder ziehen wir uns schmollend in unsere Höhle zurück, genau wie damals, als man uns erzählte, dass das Profi-Radteam der Deutschen Telekom im Dopingskandal verwickelt war? Schließlich hätte auch das niemand ahnen können… Und braucht man überhaupt einen Influencer, wenn einem klar wird , dass dieser von Großkonzernen gesteuert wird? Sollte man sich unter diesen Umständen nicht, wie ein echter Märtyrer, die Schaufenstern und Onlineshops von Adidas, Diesel, BMW und Gucci wieder selbst in Angriff nehmen?

Warum kann man Stil und Geschmack nicht einfach von Burberry direkt kaufen?

Können wir damit leben definitiv zu wissen, dass unsere vermeintlich beste Freundin bezahlt wird um mit uns zu twittern? Wo habe ich den blöden H&M-Katalog nochmal hingeräumt? Wieso hat mir in der Schule niemand beigebracht, wie man Schuhe putzt? Wieso muss ich ausgerechnet aus diesem Grund ein Video auf Youtube darüber anschauen? Reichen gigantische Followerzahlen aus, um ein prominenter Star zu sein? Warum kann man Stil und Geschmack nicht einfach von Burberry direkt kaufen? Und hat ein Reiseblogger nicht panische Angst davor zum Mars fliegen zu müssen, sobald der erste seiner „Kollegen“ auf dem Mond war?

Und zuguterletzt: Warum haben wir eigentlich so viel Angst, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen?

In diesem Sinne herzliche Grüße,

Deine Kat€

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