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Abgas-Alarm: Luft anhalten!

Kat€’s Doppelmoral-Check

Solange die Parfümerien samstags randvoll sind, muss niemand über Tierversuche diskutieren. 

Es gibt Menschen, die um ihren Job einfach NICHT zu beneiden sind, und denen im wahrsten Sinne des Wortes „Schmerzensgeld“ gezahlt wird. Lobbyisten der Auto-Industrie zum Beispiel. Erst musste man die Bumsbomber nach Südamerika erklären, verschlief unterdessen die Elektrowende und anschließend folgten nervige Manipulationsvorwürfe um Abgasausstöße. Ewig kreist das Gespenst eines allgemeinen Tempolimits über einem, die IG-Metall will alle Nase lang bessere Tarife und jetzt hat man auch noch einen dämlichen Tierversuch-Skandal an der Backe kleben, wo niedliche Äffchen mit Dieselabgasen beglückt wurden. Noch dümmer ging’s nicht. Gut, man hätte den Tierversuch mit Hunde- oder Katzenbabys machen können. Spätestens dann aber hätte man seinen Privatjet mit Nase Richtung Karibik ausgerichtet haben sollen.

Wenn man ehrlich ist, sind moralische Bedenken nur interessant, solange es einen selbst nicht betrifft.

Die Bilder der gequälten Affen sind verstörend. Und gerade deswegen wird die altbekannte Krisenstrategie herangezogen: Man steckt einfach den Kopf in den Sand und wartet, bis das Gewitter vorbeigezogen ist. Ironischerweise wird das auch diesmal wieder funktionieren. Schließlich handelt es sich um einen strategisch wichtigen Industriezweig. Und außerdem berührt der nächste Vergleichstest von unerschwinglichen Sportwagen in Autozeitschriften letztendlich mehr die Seele des deutschen Volkes als die Frage nach ethischen Maßstäben bei Tierversuchen. Auch verbietet sich jede sachbezogene Diskussion, da die Tierschutzfront moralisch sowieso im recht zu sein scheint. Wie kann jemand ernsthaft für Tierversuche einstehen, zumindest solange wie er sich zu einer öffentlichen Wahl stellen muss?

Wer möchte neue Medikamente, Hautcremes, Pullover oder Zahnbürsten als erstes testen?

Ob es uns klar ist oder nicht: Die unausgesprochene Wahrheit ist, dass wir alle Tierversuche haben wollen. Denn: Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde und wünschen uns umfassende Sicherheiten, Garantien und wenn tatsächlich mal ein Schadensfall eintritt, muss neuerdings zwingend irgendwer „Verantwortung“ übernehmen. Alle unsere Konsumartikel sollen steril, klinisch getestet und moralisch einwandfrei sein. Niemand hat mehr Verständnis dafür, dass seine Oma an einem Schlaganfall stirbt, nur weil ihr erhöhter Blutdruck 30 Jahre lang nicht behandelt wurde. Und was denkst du, an wem genau diese Blutdruckmittel getestet wurden? Niemand wäre schließlich bereit, seine Oma für diesen Testversuch zur Verfügung zu stellen. Vom Nutzen der Medikamente und des erworbenen Wissens aus Tierversuchen will hingegen jeder betroffene Mensch teilhaben.

Moralisch bedenklich wird es, wenn man als veganer Großstadt-Impfgegner letztendlich doch  auf Wissen und Medikamente zurückgreift, die aus solchen Versuchen gewonnen wurden.

Wer aufgrund einer Herzschwäche auf ein Spenderherz wartet, ist gerne bereit Tierversuche zu akzeptieren, in denen Pavianen die Herzen von Schweinen transplantiert wurden – in der ewigen Hoffnung, irgendwann das Problem der fehlenden Spenderorgane für Menschen mit Schweineherzen lösen zu können. Fakt ist: Wissenschaft lässt sich nicht reglementieren. Wer Forscher in Europa mit 40-seitigen Anträgen für Tierversuche quält, muss sich nicht wundern, wenn diese ihre Versuche irgendwann in weniger reglementierten Ländern wie China oder Japan durchführen. Auch dieser Tatsache mag man kritisch gegenüberstehen und die jeweiligen Forscher mit Ärzten aus dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte gleichsetzen. Persönlich habe ich auch kein Problem damit. Moralisch bedenklich wird es nur dann, wenn man als aufgeklärter veganer Großstadt-Impfgegner letztendlich doch wissentlich oder unwissentlich auf Wissen und Medikamente zurückgreift, die aus solchen Versuchen gewonnen wurden. Und wenn man ehrlich ist, sind moralische Bedenken lediglich solange interessant, wie es einen selbst nicht betrifft. In dem Moment, in dem man selbst ein Spenderherz oder Krebsmedikament benötigt, ist es dem Betroffenen letztendlich egal, an wem das getestet wurde. Hauptsache es funktioniert und man selbst soll bitte nicht das „Versuchskaninchen“ sein.

Jeder will mit einem Auto fahren und die Abgase der Autos auch als Fußgänger überleben.

Jetzt kann man sicher dagegenhalten, dass medizinische Versuche nicht mit der Dieselproblematik deutscher Großkonzerne zu vergleichen sind. Im Prinzip ist es jedoch immer die gleiche Thematik. Jeder will einen hautverträglichen Eyeliner, egal an wem er getestet wurde. Hauptsache man selbst bekommt keinen Hautausschlag. Jeder will eine Tütensuppe, egal an wem sie getestet wurde. Hauptsache man selbst wird nicht vergiftet. Und jeder will mit einem Auto fahren und die Abgase der Autos auch als Fußgänger überleben. Nur das soll doch bitte erwiesen werden, bevor das Auto auf den Markt gebracht wird.

Es muss auch gefragt werden dürfen, wer bereit wäre, Versuchsatmer in unseren Innenstädten zu werden.

Ich verurteile sinnlose und unnötige Tierversuche auf das Schärfste – nur muss auch gefragt werden dürfen, wer von uns bereit wäre, Versuchsatmer auf den Hauptverkehrsadern deutscher Innenstädte zu sein. Wer möchte neue Medikamente, Hautcremes, Pullover oder Zahnbürsten als erstes testen? In der Kinderheilkunde ist dies übrigens ein gängiges Problem. Aus nachvollziehbaren Gründen stellt niemand sein Kind freiwillig zu einem Versuch zur Verfügung. Und aufgrund der niedrigen Patientenanzahl rechnen sich die Studien für die Pharmakonzerne auch gar nicht. Letztendlich ist die Konsequenz, dass Ärzte für Kinder nicht zugelassene Medikamente in geschätzten, runtergerechneten Dosen an die betroffenen Kinder verabreichen und die Eltern dafür sogar noch unterschreiben müssen, da niemand für diese Therapie die Haftung übernehmen möchte. Ist es das Szenario, welches wir uns für unsere geliebten Autos wünschen? Am Ende wäre es vielleicht sogar nur fair, wenn ein Autofahrer dafür unterschreiben muss, dass der Autokonzern nicht weiß, wie viel Schadstoffe die Karre ausstößt und hierdurch gegebenenfalls entstehende Gesundheitsschäden an Fußgängern vom Autofahrer selbst zu begleichen sind.

Herzliche Grüße,

Deine Kat€

Destination Finanzdiva-Kolumne!

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